Ich bin ein 53 jähriger Mann, sportlich, Typ 1 Diabetiker und faste, seit ca.30 Jahren mehr oder weniger regelmäßig, einmal im Jahr.
Angeregt durch einen Artikel in der „TOUR “ über Fastentage mit sportlicher Betätigung und weil in den einschlägigen Foren Typ 1ern vom Fasten abgeraten wird, schreibe ich hier über meine Erfahrungen, die ich beim diesjährigen Fasten gemacht habe.
Montag 11.3. 2013 ENTLASTUNGSTAG
Der Entlastungstag soll dazu dienen, den Körper auf das Fasten einzustimmen.
Da ich vorige Woche in Schweden zum Skilaufen war, fing mein Entlastungstag auf der Fähre von Göteborg nach Kiel an. Ein leichtes Frühstück, (2 Scheiben Knäckebrot, ein kleines Müsli) das wars. Das Mittagessen war ebenso schmal, Knäcke mit Quark. Abends als Krönung des Tages gab es 2 Äpfel…
Dienstag 1. FASTENTAG
Der Tag fängt, nachdem ich morgens gegen halb 5 einen ordentlichen Schluck aus der Glaubersalzpulle genommen habe, und danach noch bis zum Weckerklingeln weitergeschlafen habe, auf der Toilette an.
Nach der Darmentleerung mache ich meine allmorgendliche Gymnastik, bestehend aus einem Aufwärmprogramm mit 30 Kniebeugen, 30 Situps, 30 Liegestütz und etwas Kurzhanteltraining. Nach dem Aufwärmen mache ich verschiedene Dehnübungen und danach noch ein paar Klimmzüge.
Nach der Gymnastik und der Dusche gehe ich zur Arbeit, versuche, mich heute nicht stressen zu lassen, was am ersten Tag nach dem Urlaub gar nicht so leicht ist.
Sportliche Aktivitäten habe ich, außer Morgengymnastik und einem längeren Abendspaziergang keine.
Zu mir genommen habe ich, außer einem leicht gesüßtem schwarzen Tee am Morgen, diversen Kräutertees teilweise mit etwas Honig und einem Gemüsesaft, nichts.
Gegen Mittag hatte ich einen Termin bei Airbus. Um sicher zu gehen, dass ich nicht plötzlich bei der Baubesprechung unterzuckere, habe ich vorsichtshalber einen Bonbon gelutscht.
Insgesamt habe ich mich den Tag über etwas schlapp gefühlt. Die ganze Zeit leichte Kopfschmerzen. Und ich habe mich hin und wieder gefragt, wieso ich mir so was antue…
Meinen Blutzucker habe ich bewusst im Bereich zwischen 100 und 160mg/dl gehalten. Sicher ist sicher…
Das Basalinsulin (Levemir) habe ich fürs Erste von 20 auf 16 Einheiten reduziert. Novorapid über den Tag verteilt 3x 1 Einheit Korrektur.
Mittwoch, 2. FASTENTAG
Nachdem ich nicht so tief und fest wie normalerweise geschlafen habe, fängt der Tag mit der oben beschriebenen Morgengymnastik an. Die Arme und Beine fühlen sich deutlich schlapper als normal an. Ein Zeichen dafür, dass die Glukosespeicher in den Muskeln sich leeren.
Mittags drehe ich im Stadtpark eine 6km Runde auf Langlaufskiern. Beine sind in den ersten 10 Minuten etwas müde, das legt sich aber, sobald mein Körper sich auf die Belastungsintensität eingestellt hat.
Zu mir genommen habe ich ungefähr das Gleiche wie gestern. Vor der Stadtparkrunde habe ich schnell noch 0,3 Liter Saft mit 36 Gramm Kohlenhydraten getrunken. (Man gönnt sich ja sonst nichts)
Nach dem Skilaufen messe ich einen Blutzucker von 250mg/dl, den habe ich mit 2 Einheiten Novorapid korrigiert. Ansonsten war der BZ den Tag über OK.
Abends in der Kneipe mit Freunden. Ich bin hypnotisiert vom Anblick der Pizza. So lange das Essen auf dem Tisch steht, läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Ich bleibe standhaft! Logisch
Donnerstag, 3.FASTENTAG
Ich wache vor dem Weckerklingeln mit Kopfschmerzen und Schwindel auf. Messe einen Blutzucker von 41mg/dl. Trinke 0,3L Saft mit insgesamt 3 BE
Jetzt, wo der Kopf auf diese Weise wieder hergestellt ist, mache ich mir einen schönen Einlauf…
Nachdem ich ältere Fasten / Diabetesprotokolle durchgesehen habe, fällt mir auf, dass ich früher das Basalinsulin für die Nacht auf 10 Einheiten reduziert habe. Aha!
Für die übliche Morgengymnastik lasse ich mir Zeit, mache sogar ein paar Klimmzüge mehr als üblich. Vielleicht bin ich schon leichter geworden?
Gewogen habe ich mich dieses Jahr leider nicht vor dem Fasten. Aber die Erfahrung sagt mir, das ich am Ende einer kompletten Fastenwoche 2-3Kg weniger wiege als vorher.
Bevor ich zur Arbeit fahre, teste ich, ob ich Keton im Urin habe. Der Acetongehalt ist ein Stoffwechselabfallprodukt der Fettverbrennung. Wie erwartet ist der Ketongehalt im Urin leicht erhöht, liegt aber im Bereich der normalen „Hungeracetons“ den man auch bei gesunden Sportlern nach einer längeren Ausdauereinheit nachweisen kann.
In der Abenddämmerung laufe ich noch eine gute Stunde Ski. Auf den ersten Metern sind Beine und Arme extrem müde. Nach etwa 5 Minuten hat sich mein Körper auf die Belastung eingestellt. Wenn ich vom klassischen Stil zum Skaten übergehe werden andere Muskeln beansprucht und das Gefühl lahme Beine zu haben tritt erneut auf, gibt sich aber nach ein paar Metern. Energie aus Fettverbrennung wird eben langsamer zur Verfügung gestellt als Energie aus Glucose.
Freitag 4. FASTENTAG
Heute morgen trotz Reduzierung des Basalinsulins auf 10 Einheiten wieder mit einem Blutzucker von 40gm/dl aufgewacht. Unangenehm. Also werde ich heute Abend noch weiter reduzieren.
Der (Fasten)Tag verläuft ruhig. Ich habe ein gutes, leichtes Körpergefühl. Kein Hunger, keine Müdigkeit.
Nachmittags drehe ich eine 2 ½ Stunden Runde auf dem Rennrad. Auf trockenen Straßen durch die verschneite Landschaft. Wunderbar!
Ich fühle mich fit. Vor allem auf langen Geraden, wo ich gleichmässig und rund treten kann fühle ich mich überhaupt nicht angestrengt. Die fürs radeln benötigte Energie wird problemlos vom Körper zur Verfügung gestellt.
Wer lange Distanzen oder Radmarathons fährt, kennt das Gefühl: Die Beine fühlen sich zwar müde an, aber das ist egal, weil man trotzdem gut, kraftvoll und schnell fahren kann.
Kohlenhydrate habe ich weder vor noch nach dem Radeln zu mir genommen, der Blutzucker bleibt konstant bei Werten um die 120mg/dl.
Samstag, 5. FASTENTAG
Heute Morgen wache ich früh auf. Kein Problem, den leichten Schlaf kenne ich von früheren Fastenzeiten. Wer fastet, hat einen leichteren Schlaf, wacht morgens früher auf. Sofern man sich darüber nicht grämt, sondern sich über die gewonnene Zeit freut, ist das ja kein Problem.
Mein Blutzucker liegt bei 60mg/dl. Ein Saft, ein Einlauf, Morgengymnastik und der Tag kann beginnen.
Mittags bin ich eigentlich zu Kanufahren verabredet. Da aber die Kanäle zugefroren sind, beschließen wir Paddler eine größere Runde auf Langlaufskiern in einem Naturschutzgebiet zu drehen. Wahrscheinlich die letzte in diesem Winter.
Auf dem Weg zum Skigebiet messe ich einen Blutzucker von 220mg/dl. Ich spritze eine Einheit Novorapid zur Korrektur. Böser Fehler!
Nach ca. 30 Minuten auf Skiern bin ich so unterzuckert, dass ich kaum noch denken, sehen, laufen oder stehen kann
2 BE Traubenzucker bringen das Gehirn wieder in Schwung. Eine Stunde später benötige ich nochmals 2 BE. So eine derbe Unterzuckerung kenne ich sonst gar nicht. In Zukunft werde ich (beim Fasten) mit dem Korrigieren noch vorsichtiger sein.
Abends gehe ich Tanzen. Ü-40 Party… Ca. 2 1/2 Stunden tanze ich ausgelassen, freue mich über die Mittänzer/innen und meine gelungene Fastenwoche.
Gegen 2 Uhr spritze 8 Einheiten Levemir, gehe ins Bett.
Sonntag, 6.FASTENTAG
Heute Morgen messe ich einen BZ von 82mg/dl. Die 8 Einheiten von gestern Abend scheinen ausreichend zu sein.
Um 11 Uhr starten wir zu dritt zur allsonntäglichen Rennrad Trainingsrunde. Es ist kalt, windig und da wir durch den Sachsenwald fahren auch noch „bergig“. Mindestens bergauf müssen Geli und Sebastian auf mich warten. Meine Beine sind müde. In Grande machen wir eine Kaffeepause. Von dort aus radeln wir mit Rückenwind zurück nach Hamburg.
Heute habe ich während der 60km vorsichtshalber 3 BE (36 Gramm) in Form von Bonbons gelutscht. Während der Pause hatte ich einen Blutzucker von 136 mg/dl, Zuhause angekommen bin ich mit 60 mg/dl.
Zuhause setze ich mich in die Wanne bevor ich vor der Glotze Mailand – San Remo im Regen mit coolem Sieg von Gerald Ciolek gucke.
Montag, 7. FASTENTAG
Blutzucker heute morgen 62mg/dl. Ein Saft, Gymnastik, dann gehe ich raus zum Schneeschieben.
Der Rest des Tages verläuft Fasten- und Diabetesmässig unspektakulär.
Nachmittags gehe ich Skilaufen im Stadtpark und abends fahre ich auf Skiern an der Wandse entlang.
Ich kaufe ein für Morgen. Fastenbrechen. Gaaanz langsam wieder anfangen zu essen. Das Schwierigste am Fasten. Sind die Versauungssäfte erst mal wieder in Schwung, ist Disziplin gefragt. Die Versuchung, mehr zu essen als geplant ist riesengroß. Mal sehen, ob ich widerstehen kann…
Dienstag, 1. AUFBAUTAG
Der Morgen verläuft so wie die Fastentage. Gegen 10 Uhr das erste „Frühstück“: 2 Feigen, 1 halber (Mikrowellen) gedünsteter Apfel.
Mittags gönne ich mir einen Kinderbrei von Hipp, zum Dessert die andere Hälfte des Apfels. Beides mikrowellenerwärmt.
Leider kann ich nachmittags der Versuchung nicht standhalten und fange an Feigen zu futtern… Irgendwann meldet sich aber mein Magen und erinnert mich an meine Vorsätze.
Insgesamt fühle ich mich schlapper als an den Fastentagen. Wahrscheinlich benötigt der Verdauungstrakt Energie, um sich wieder einzugrooven.
Zum Abendbrot gibt es 3 Scheiben Knäcke mit Quark und einen Joghurt.
Abends bin ich in der Disco, tanze und trinke ein alkoholfreies Bier. Fetter Tag!
Mittwoch, 2. AUFBAUTAG
Auch am 2. Aufbautag gibt es keine besonderen Vorkommnisse. Ich mache morgens Gymnastik, fahre nachmittags Ski. Esse etwas mehr und etwas Gehaltvoller als am ersten Aufbautag. Die Verdauung kommt in Gang…
Ab morgen speise ich wieder „normal“.
Für die Zukunft habe ich mir vorgenommen, vor allem abends deutlich weniger Kohlenhydrate als bisher zu essen. Mal sehen, wie gut und wie lange mir das gelingt.
Fazit: Eine Fastenwoche ist eine annehmbare Herausforderung. Diabetiker haben, wie fast immer, etwas mehr zu beachten als „Gesunde“.
Und: sportliche Aktivitäten (Wettkämpfe ausgenommen) sind auch während des Fastens weniger ein Problem als eine Erfahrung.
Pitt