Jetzt sitze ich also hier, mit dem Rücken an eine Leitplanke gelehnt, auf der Nürburgring Nordschleife. Genauer gesagt, etwa 300 Meter unterhalb des höchsten Punktes der Strecke, an der berüchtigten ´hohen Acht´. Man kann die Musik von der Verpflegungsstelle hören. Ich sitze im Schatten und warte darauf, dass das Piepen meiner Pulsuhr aufhört und die beginnende Übelkeit verschwindet. Nach einer gefühlten Ewigkeit stehe ich wieder auf und schiebe mein Rad weiter bergauf. Gottseidank bin ich nicht alleine, denn etwa jeder Dritte schiebt ebenfalls. Bei 18 Prozent Steigung und 30 Grad im Schatten war es dann auch nicht eine Hypo die mich zu meiner Pause zwang, sondern eher der drohende Kreislaufkollaps dank totaler Überanstrengung. Ich hätte eben auf Hans-Günther hören und ein paar Körner für den Anstieg sparen sollen, statt im Adrenalinrausch wie verrückt nach dem Start loszupreschen. Es war aber auch zu verlockend: Bei strahlendem Sonnenschein, als Startfahrer für unser 4er Team im dichten Feld die großen Tribünen der Grand-Prix-Strecke zu passieren und auf die Nordschleife einzubiegen.
Die Grand-Prix-Strecke war für einen flachlandverwöhnten Norddeutschen auch eher moderat und ließ das, was noch kommen sollte, nicht erahnen. Bereits die ersten Kurven auf der Nordschleife zeigten wie es die nächsten paar Kilometer weiter ging: Ganz einfach nur steil bergab! Dass man auf einem Fahrrad mit ausreichend Gefälle und genügend Anlauf auch als Freizeitsportler locker 87 Kilometer pro Stunde erreichen kann, hatte ich zwar vorher gehört, so richtig geglaubt habe ich es aber erst, als es mir am Ende der Fuchsröhre per Display angezeigt wurde. Warum ich als einziger Neuling in unserem 4er Team die Ehre des Startfahrers erhalte
n habe ist mir bis heute nicht klar, aber bei meinem nächsten Rennen würde ich auf diese Ehre gerne verzichten. Neben dem tollen Feeling beim Start hat man nämlich auf der ersten Runde mit einer stark überfüllten Strecke und vor dem ersten kurzen Anstieg sogar mit Stau! zu rechnen. Mir wurde dies dann auch in einer schnellen Kurve fast zum Verhängnis, als mir bei etwa 60 Sachen das Hinterrad wegrutschte und ich die ganze Breite der Strecke brauchte, mein Rad wieder abzufangen. Meine Entschuldigung geht an den Fahrer, den ich bei diesem Manöver fast umgemäht habe. Das Bremsen bei schnellen Abfahrten am Berg kann man im Umland von Hamburg eben nur begrenzt üben. Ich war dann auch froh als es wieder bergauf ging und ich wieder treten konnte, da meine Knie doch ziemlich zitterten. Die Freude über den nun folgenden Anstieg verflog dann aber schnell, da der überhaupt kein Ende zu nehmen schien. Fast 4 Kilometer Anstieg ohne Rollerpassagen führten dann auch zu meinem oben erwähnten Zwangsstopp.Erst bei meinen weiteren Runden habe ich dann doch zwei kleine Verschnaufpausen entdeckt: Eine davon ist ein leichtes Gefälle nach dem Carraciola-Karussel, welches ich bei meiner ersten Runde noch leichtsinnig dazu genutzt hatte, das große Kettenblatt zu wählen und wieder kräftig Gas zu geben. Die letzten paar Meter zur Verpflegungsstelle auf der hohen Acht habe ich dann übrigens wieder auf dem Rad zurückgelegt, auch wenn manch einer beim Schieben schneller war. Ein Aufsuchen der Verpflegungsstelle war übrigens nie nötig. Der Rest der ersten Runde war weitgehend unspektakulär, endete aber mit einer total verpatzten Transponderübergabe. HJVC dampfte mit meiner leergetrunkenen Trinkflasche ab und ließ mich mit der anderen Flasche samt Transponder zurück. Seine Runde wurde dann leider nicht gewertet, was zum Glück für das Team keine Folgen hatte, da Hans-Jürgen einfach früher ins Rennen startete.

Es folgten für mich fünf weitere Runden mit beeindruckenden Nachtfahrten, Sonnenaufgängen vor Nürburg-Panorama und einer super Stimmung in der Boxengasse. Mit einer leicht reduzierten Basal-Rate und dem kompletten Verzicht auf Mahlzeiten-Insulin waren Hypos für mich übrigens kein Thema, zumal wir immer nur eine Runde am Stück gefahren sind. Vielen Dank an alle im Team, die gekocht, repariert und organisiert haben und diese 24 Stunden perfekt gemacht haben. Bleibt noch zu erwähnen, dass ich ab Runde drei bei tiefschwarzer Nacht und somit mangelnder Sicht auf den steilen Anstieg, glatt vergessen habe abzusteigen und fortan alle übrigen Runden den Berg hochgefahren bin. 2012 bin ich auf jeden Fall wieder dabei!