Seit meiner Diabetiker-Südafrikareise im Januar 2004 fahre ich regelmäßig und begeistert Rennrad. DerSaisonhöhepunkt 2004 war die 170-km-Distanz bei den HEW Cyclassics. Am Ende des Sommers war ich in der Lage, ohne Konditions- und Blutzuckerprobleme eine Strecke von 150 -200km mit einem akzeptablen Kilometerschnitt zu fahren. Um diese Kondition zu erhalten, trainierte ich auch während des Winters einmal pro Woche. Notfalls im Keller auf dem Rollentrainer. Ein Mann braucht ein Ziel, und so meldete ich mich 2005 für die Cyclassics und die 300km lange Vätternsee Rundfahrt in Schweden an.
Mit Fortschreiten des Frühjahres und längeren Ausfahrten mit meinen Radsportfreunden um die Firma Exercycle wurden meine Kondition und mein Sitzfleisch immer besser. Am Dienstagmorgen den 26.4. passierte es dann: Beim Sturz von einer Leiter brach ich mir beide Handgelenke. Ich wurde mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gefahren,dort Vollnarkose und OP der Brüche. Beide Arme eingegipst, erwachte ich am Nachmittag. Von jetzt ab wurden die Nächte hart. In Rückenlage, beide Arme höher gelagert, ohne Möglichkeit mich auf die Seite zu drehen, war das Schlafen eher ein Warten auf den Morgen.

Eine Woche verbrachte im Krankenhaus. Viel Besuch jeden Tag, viele Schmerzen, aber auch jeden Tag Fortschritte in der Beweglichkeit. Nach einer Woche im “Hotel” Boberg, vielen gruseligen Geschichten der Mitpatienten, aber auch schönen Spaziergängen in den Krankenhausparkanlagen konnte ich nach Hause. Nach nur 9 Tagen im Krankenhaushatte ich das Gefühl, nach unendlich langer Zeit wieder in Freiheit weilen zu dürfen. Da ich nach dem Sturz ziemlich gehandicapt war, musste ich so ziemlich alle Frühjahrs- Urlaubspläne absagen: eine Klettertour mit meiner Tochter in die Gardaseeberge sowie eine Kanutour mit Freunden. Mein dritter Urlaubsplan, die Vätternsee Rundfahrt, hatte ich noch nicht abgesagt. Zwischen dem Unfallzeitpunkt und dem Start lagen 8 Wochen.
Genug um den Gips loszuwerden und für die 300-km-Strecke zu trainieren? Vier Wochen nach dem Unfall schaffte ich es zum ersten Mal auf dem Rollentrainer zu trainieren. Damit der Schweiß abtropfen konnte entfernte ich vor dem Training die Castschienen von den Armen. Eine schmerzhafte Angelegenheit. Und ohne die Schienen fühlte ich mich sehr verletzlich. Das sitzen auf dem Rennrad war unbequem, und schalten konnte ich gar nicht. Das Duschen nach dem Training und das Abtrocknen danach ließen sich nur mit Hilfe meiner Frau bewerkstelligen. Trotz dieser Schwierigkeiten setzte ich mich dreimal pro Woche aufs Rad. 9 Tage vor dem Start zur Vätternsee Rundfahrt ging ich erneut ins Krankenhaus, um die Nägel entfernen zu lassen. Am Abend nach der OP war ich wieder auf den Beinen undwollte nach Hause. Der Vätternsee rief und die Zeit wurde knapp. Der Tag nach der OP: das erste Mal seit 7 Wochen ohne „Gips“. Ich fühlte mich nackt… In der ersten Nacht legte ich die Castschienen vorsichtshalber noch mal an. Ich hatte Angst, dass ich mich beim Umdrehen im Schlaf verletzen würde. Am Samstag dann die erste Ausfahrt mit dem Rennrad. Mit dem Triathlonvorbau. Ganz vorsichtig… Das Lenken war stark gewöhnungsbedürftig, die Sitzposition unbequem und das Bremsen eine Qual. Aber nach einer kleinen 60-km-Runde über die Dörfer war klar: Es geht!Am nächsten Tag wiederholte ich diese Runde. Ich beschloss das Rad am kommenden Wochenende mit auf die Schwedenreise zu nehmen. Und auch zu starten. Falls ich Probleme bekommen würde, würde ich die Vätternsee Runde abbrechen. Am Dienstag noch ein letzter Test: Ich stellte mir den Wecker auf 4 Uhr morgens. Weil ich ausprobieren wollte, wie ich mit meinem um 20% reduzierten Basalinsulin morgens zu nachtschlafender Zeit Radfahren kann. Es funktionierte gut.

Donnerstag ging die Schwedenreise mit einer Rad-Tour vom Exercycle-Büro in HHRahlstedt in Richtung Kiel los. Nach 120 km stellten wir die Räder in den Hänger und stiegen um in die Tourbusse, die uns pünktlich zu Fähre brachten.

Die Fahrt von Göteborg nach Motala ist schön, das Wetter gut. Wir stiegen in einem wunderschönen Hotel, ca. 15 km vom Start, ab. Bei der Akkreditierung am Nachmittag bekam ich mit Hilfe eines (selbst geschriebenen) Attestes die Genehmigung, mit dem Triathlonvorbau zu starten. Das Frühstück am Sonnabendmorgen um halb vier war zwar lecker, aber mir fehlte der Appetit.

Am Start war es schon hell und das Wetter sah OK aus. Um 4 Uhr 42 ging es los. Wir wurden mit einem Motorrad aus dem Ort geleitet. Nach einigen Minuten hatten wir die erste der 30 Zehnkilometermarken passiert.Und es fing an zu regnen… Nach weiteren zehn Kilometer war ich nass bis auf die Haut.

Bei unserem zweiten Stopp nach 120 km hörte der Regen auf! Wir fuhren jetzt auf der anderen Seeseite und hatten die nächsten 150 km Gegenwind. Aber mit meinem Triavorbau war ich ja windschnittig.

Bei unseren ausgedehnten Pausen und der superleckeren schwedischen Tourverpflegung erholte ich mich ausreichend. Mein Blutzucker war bei jeder Messung konstant um 120 mg/dl. Ich hatte gegen 6 Uhr 2 Einheiten Basalinsulin gespritzt und aß bzw. trank 4 BE pro Stunde. Da ich in den Pausen alle angebotenen schwedischen Spezialitäten aß, und dafür natürlich auch Insulin spritzte, geriet ich bei Kilometer 250 in einen leichten Unterzucker.Ich setzte mich ans Ende unserer Gruppe, die etwas Tempo raus nahm, schob mir etwas Traubenzucker und einen Riegel rein und erholte mich schnell wieder. Der Rest der Vätternsee Runde hatte zwar noch einige fiese Steigungen zu bieten, aber der jetzt wieder von hinten wehende Wind und das inzwischen supergute Wetter halfenuns dabei, das Tempo und die gute Laune zu halten.

Im Ziel, nach 300 km, warteten eine Medaille, Freibier, Kassler und Kartoffelsalat auf uns. Meine Handgelenke schmerzten weniger als befürchtet, einzig mein Hintern war froh, jetzt nicht mehr aufs Rad zu müssen. Acht Wochen lag mein Arbeitsunfall jetzt zurück. Nach diesen dreihundert Kilometern hatte ich das Gefühl, dass jetzt die Zeit der schwachen Hände vorüber ist. Ich freue mich schon aufs nächste Jahr wenn ich wieder mit den Leuten von www.exercycle-tours nach Schweden reise, um die Runde, diesmal mit gesunden Händen,nochmals zu fahren.